Zukunftsforschung arbeitet mit dem Grundsatz, dass Zukünfte offen, plural und gestaltbar sind. Gleichzeitig zeigt sich in Theorie, Diskurs und Anwendung, dass Zukunftsbilder und ihre Deutungen häufig nicht neutral sind, sondern von bestehenden Machtverhältnissen geprägt werden. Insbesondere patriarchale Annahmen darüber, was als relevant, wünschbar oder realistisch gilt, wirken in vielen Zukunftsentwürfen fort. Genau an diesem Spannungsfeld setzt feministische Zukunftsforschung an.
Feministische Zukunftsforschung ist dabei kein gefestigter Begriff und keine eindeutig definierte Theorie. Vielmehr bezeichnet sie eine bestimmte Weise, Zukunft zu denken: machtsensibel, reflexiv und normativ ausgerichtet auf die Frage, was als möglich und wünschbar gilt, und für wen. Sie knüpft damit an kritische Zukunftsforschung an, verschiebt den Fokus jedoch, indem sie explizit Fragen von Geschlecht, Ungleichheit und Marginalisierung in den Mittelpunkt rückt.
In diesem Beitrag geht es nicht darum, feministische Zukunftsforschung zu definieren. Im Fokus steht vielmehr die Frage, wie Zukunftsforschungs- und Praxisprozesse feministisch(er) gestaltet werden können. Der Blick verschiebt sich damit von Zuschreibungen hin zu Gestaltungsfragen: Welche Zugänge eröffnen feministische Perspektiven in Zukunftsforschungs- und Praxisprozessen?
Folgende vier Zugänge knüpfen an Schnittstellen von kritischer Zukunftsforschung und einem Querschnitt feministischer Theorien und Praxen an; diese lassen sich klar im radikalen und intersektionalem Feminismus verorten, weil sie eine grundsätzliche gesellschaftliche Transformation einfordern und die Verschränkung unterschiedlicher Macht- und Ungleichheitsverhältnisse mitdenken. Die Zugänge sind inspiriert aus einem länger bestehenden Literaturkanon (z. B. Hurley et al. 2008; Masini 1987; Jarva 1998) als auch jüngere konzeptionelle Ansätze, darunter die feminist futurist principles (Milojević 2024), das feminist foresight framework (Mondesir 2024) sowie feminist approaches to futures studies (Abdullah 2024). Ergänzt werden diese durch feministische und genderwissenschaftliche Forschungsprinzipien, die auf das Feld der Zukunftsforschung übertragbar sind (z.B. Ackerly & True 2010).
1. Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit als situiert verstehen.
Ein zentrales Anliegen feministischer Forschung ist es, Wissen als situiert zu begreifen. Übertragen auf die Zukunftsforschung bedeutet dies, dass Vorstellungen von möglichen oder wünschbaren Zukünften aus konkreten sozialen Positionierungen heraus entstehen. Diese Einsicht ist der Zukunftsforschung nicht fremd, wird in der Praxis jedoch häufig zugunsten vermeintlich universeller Zukunftsnarrative abgeschwächt. Wird beispielsweise ein Best-Case-Szenario für eine friedliche Zukunft über die Abwesenheit bewaffneter Konflikte definiert, und die Abwesenheit geschlechtsspezifischer Gewalt in jeglicher Form – eine zentrale Dimension von Frieden für viele Frauen – ausgeblendet, so ist ein solches Szenario nicht universell wünschbar. Feministische Perspektiven bestehen darauf, diese Situiertheit ernst zu nehmen und insbesondere geschlechtsspezifische Positionierungen und Machtungleichheiten mitzudenken. Dieser Zugang ist insbesondere in der feministischen Wissenschaftsforschung verankert (z.B. Haraway 1988). Damit verbunden ist eine Kritik an linearen Zeitverständnissen, die Zukunft als Bruch oder Fortschreibung einer vermeintlich einheitlichen Gegenwart begreifen. Feministische, insbesondere dekolonial-afrikanische Perspektiven gehen hingegen davon aus, dass auch Gegenwart und Vergangenheit plural sind und zugleich nebeneinander existieren, wobei bestimmte Erfahrungen systematisch sichtbarer gemacht werden als andere; diese Pluralisierung lässt sich durch eine Umgestaltung der Futures Cone veranschaulichen (Terry et al. 2024; Theunissen 2026). So zeigt sich, dass vermeintlich neue Krisen für viele Frauen und/oder marginalisierte Gruppen längst Teil einer dauerhaften Erfahrung von Unsicherheit in Gegenwart und Vergangenheit sind. Die Ausgangspunkte für Zukunftsdenken sind damit anders – sie sind situiert.
2. Geschlecht und Macht in Zukunftsbildern sichtbar machen.
Zukunftsforschung ist historisch eng mit militärischen und sicherheitspolitischen Kontexten verbunden und nach wie vor sehr männlich geprägt. Diese Prägung wirkt bis heute fort, indem sie bestimmte Themen, Fragestellungen und Zukunftsbilder privilegiert, beispielsweise solche, die Technologie in den Vordergrund stellen. Explizit feministische Themen wie die Zukunft körperlicher Selbstbestimmung, Sorgearbeit oder geschlechtsspezifischer Gewalt bleiben häufig randständig, und Geschlechterverhältnisse werden in Zukunftsszenarien oft nicht mitgedacht. Geschlechterverhältnisse erscheinen dadurch als nachgeordnet oder irrelevant, obwohl sie zentral für gesellschaftliche Transformation sind. Feministische Perspektiven kritisieren genau diese Leerstellen: Sie fragen danach, wessen Leben, Körper und Arbeit in Zukunftsbildern präsent sind, und wessen systematisch fehlen. So werden die geschlechtsspezifischen Implikationen vermeintlich neutraler Zukunftsentwürfe explizit gemacht. Darüber hinaus machen feministische Zukunftsforscher*innen feministische Themen zum Fokus ihrer Zukunftsexplorationen. Beispiele hierfür sind etwa die Entwicklung wünschenswerter Zukünfte von Reproduktion (Artiles Leyes et al. 2024) oder eine Workshopreihe zur Erforschung von Zukünften Feministischer Außenpolitik(en) (Jayakumar & Sohal 2023). In diesen Projekten sind Frauen und/oder marginalisierte Personen häufig nicht nur die Forschenden, sondern auch die Protagonist*innen, die mithilfe partizipativer und niedrigschwelliger Methodiken ihre eigenen Zukünfte bearbeiten und mitgestalten. Je nach Themenfeld und Schwerpunkt kommen dabei unterschiedliche feministische Perspektiven zusammen, die vielfach intersektional ausgerichtet sind und die jeweiligen Implikationen für verschiedene Frauen sowie weitere marginalisierte Gruppen in den Blick nehmen.
3. Zukünfte dekolonisieren.
Nachdem feministische Perspektiven sichtbar machen, wessen Leben in Zukunftsbildern vorkommt, stellt sich die weiterführende Frage, welche Zukünfte überhaupt vorstellbar sind. Viele dominante Zukunftsnarrative sind patriarchal sowie westlich, weiß und technologisch geprägt und wirken als epistemische Dominanz. Sie erscheinen als alternativlos, normalisieren bestimmte Pfade und machen andere von vornherein undenkbar. So bleiben grundlegende Annahmen, etwa binäre Geschlechterordnungen, häufig unhinterfragt, obwohl feministische Forschung gezeigt hat, dass auch diese historisch gewachsen und veränderbar sind. Die Kolonisierung von Zukunft wirkt dabei nicht nur auf struktureller Ebene, sondern greift bis in die Imagination hinein und prägt kollektive Vorstellungen dessen, was als möglich und wünschbar gilt. Feministische Zukunftsforschung versteht sich vor diesem Hintergrund als dekolonisierende Praxis, die dominante Denkrahmen offenlegt und verschiebt. Sie zielt darauf ab, Zukunft für marginalisierte Gruppen nicht als bloße Verlängerung bestehender Ordnungen oder minimaler Reformen, sondern als Raum für grundlegende Veränderung denkbar zu machen. Gerade dieser Zugang, Zukünfte zu dekolonialisieren, reicht jedoch deutlich über feministische Perspektiven im engeren Sinne hinaus, also über Ansätze, die primär Frauen in den Mittelpunkt stellen, ebenso wie über intersektionale Feminismen. Er verschiebt den Fokus stärker auf koloniale Kontinuitäten und rückt insbesondere auch andere marginalisierte Gruppen in den Blick, etwa entlang von Race (vgl. Feukeu 2024).
4. Imagination als feministische Praxis stärken.
Feministische Zukunftsforschung ist immer auch ein Akt politischer Positionierung. Sie zielt darauf ab, feministische Zukünfte / Utopien greifbarer zu machen und damit feministische Bewegungen zu stärken. Die Imagination vielfältiger feministischer Zukünfte spielt dabei eine zentrale Rolle und knüpft an Ansätze an, die in den Gender Studies etwa als spekulative Fabulationen diskutiert werden. Insbesondere im Queerfeminismus und Schwarzen Feminismus, hier gerade im Afrofuturismus, werden spekulative Erzählungen als Formen feministischen Widerstands verstanden (vgl. den Sammelband von Daniel & Klapeer 2019), und finden beispielsweise im Science Fiction Genre eine populäre Ausdrucksform (z. B. in der Literatur bei Octavia E. Butler, Ursula K. Le Guin, Margaret Atwood, Becky Chambers, Sheri S. Tepper, Nnedi Okorafor). Imagination wird hier nicht als bloßes Gedankenspiel verstanden, sondern als politisch wirksame Praxis. Gerade wenn realpolitisch feministische Ziele nur schrittweise und begrenzt (wenn überhaupt) erreicht werden, können Vorstellungen von Utopien oder wünschenswerten Zukünften feministische Bewegungen befeuern. Imagination kann so als Ressource verstanden werden, aus der Orientierung, Handlungsfähigkeit und kollektive Stärke entstehen. Die Fähigkeit, feministische Zukünfte zu entwerfen, ist damit selbst eine Form von Widerstand gegen bestehende Machtverhältnisse – und Ausdruck einer feministischen Praxis, die seit jeher aus dem Hinterfragen des Bestehenden und dem Vorstellen von besseren Welten entsteht.
Fazit: Feministische Zukunftsforschung ist Widerstand
Diese vier Zugänge verdeutlichen, welche Möglichkeiten feministische Zugänge in Zukunftsforschungs- und Praxisprozessen eröffnen: Sie machen Machtverhältnisse sichtbar, erweitern Zukunftsbilder, dekolonialisieren sie und stärken die politische Bedeutung von Imagination. Gleichzeitig sind sie als Anstoß und als Einladung zu verstehen, die beschriebenen Zugänge kritisch weiterzuentwickeln und die die Liste, um weitere Zugangspunkte zu erweitern.
In einer Zeit, in der feministische Positionen zunehmend angegriffen und delegitimiert werden, sind entsprechende Zugänge zur Zukunftsforschung unerlässlich. Feministinnen, Frauen, queere und marginalisierte Personen, müssen die entscheidenden Akteur*innen bei der Gestaltung ihrer Zukünfte sein. Feministische Zukunftsforschung wird so zu einer Praxis politischen Widerstands und fordert damit den Grundsatz offener, pluraler und gestaltbarer Zukünfte für alle ein.
Literaturliste
Abdullah, A. (2024). Feminizing Futures. Tamkang University.
https://drive.google.com/file/d/15N6QGqPTM1l6cevinfm1wD1hi81pIUvo/view Ackerly, B. A., & True, J. (2010). Doing feminist research in political and social science. Palgrave Macmillan.
Artiles Leyes, E., Boettcher, L., Günther, K., Strecker, G. (2024). Futures Probes of Reproduction. Futures Probes. https://drive.google.com/file/d/1YOqvdxaGRbchgk4ELvfGAjjPV2Q1tnjK/view
Daniel, A. & Klapeer, C. (2019). Einleitung. Wider dem Utopieverdruss. Queer*feministische Überlegungen zum Stand der Debatte. Femina Politica - Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft. https://doi.org/10.3224/feminapolitica.v28i1.02
Feukeu, K. E. (2024). A pluriversal definition of futures studies: Critical futures studies from margin to Centre. Handbook of Futures Studies, Edward Elgar Publishing. https://doi.org/10. 4337/9781035301607.00013
Jayakumar, K. & Sohal, K. (2023). The Future of Feminist Foreign Policy: Notes from the FFP Futures Lab. The Gender Security Project. Projektwebsite nicht mehr online verfügbar.
Haraway, D. (1988). Situated Knowledges: The Science Question in Feminism and the Privilege of Partial Perspective. Feminist Studies, Vol. 14, No. 3, pp. 575-599, https://doi.org/10.2307/3178066
Hurley, K., Masini, E., Boulding, E., Eisler, R., Premchander, S., Mccorduck, P., Kelly, P., Bateman, D., Sahtouris, E., Smith, C., Patindol, J., Jarva, V., Milojević, I., & Groff, L. (2008). Futures studies and feminism. Futures, 40, 388–407. https://doi.org/10.1016/j.futures.2007.08.004
Masini, E. B. (1987). Women as builders of the future. Futures, 19(4), 431–436. https://doi.org/10.1016/0016-3287(87)90004-8
Milojević, I. (2024). The Hesitant Feminist´s Guide to the Future. Tamkang University Press. https://jfsdigital.org/wp-content/uploads/2024/07/Monograph_Hesitant-Feminist.pdf
Mondesir, A. (2024). Embracing Feminist foreign Policy within EU Strategic Foresight Capabilities: Bringing feminist futures into reality. Foundation for European Progressive Studies. https://library.fes.de/pdf-files/bueros/bruessel/21333.pdf
Jarva, V. (1998). Gendered society, gendered futures research. Futures, 30(9), 901–911. https://doi.org/10.1016/S0016-3287(98)00092-5
Terry, N., Castro, A., Chibwe, B., Karuri-Sebina, G., Savu, C., Pereira, L. (2024). Inviting a decolonial praxis for future imaginaries of nature: Introducing the Entangled Time Tree, Environmental Science & Policy, Volume 151, 103615, https://doi.org/10.1016/j.envsci.2023.103615.
Theunissen, R. (2026) The Futures Cone Reimagined: A Framework for Critical and Plural Futures Thinking. Journal of Futures Studies, https://jfsdigital.org/the-futures-cone-reimagined-a-framework-for-critical-and-plural-futures-thinking/
Dieser Beitrag wurde verfasst von Clara Jöster-Morisse unter redaktioneller Mitarbeit von Nele Fischer, Doris Sibum und Melisande Rodenacker.
Du bist Netzwerkmitglied und möchtest einen Beitrag zum Blog beisteuern?
Dann bring deine Perspektive ein! Als Mitglied kannst du uns eine E-Mail an blog@zukunftsforscherin.de senden. Interessierst du dich für eine Mitgliedschaft erfahre hier mehr über das Netzwerk Zukunftsforscherin* und schlag dich für eine Mitgliedschaft bei uns vor: Mitmachen.